Zuckerkugeln, die heilen sollen und auf die Millionen Deutsche vertrauen.
Die Homöopathie ist hierzulande die beliebteste alternative Heilmethode.
„Letztendlich hat uns das am besten geholfen und es ist weggegangen. Also ich glaube total dadran.“
Eine sanfte Medizin, die keine Nebenwirkungen hat. Aber auch keine erklärbare Wirkung?
„Ich kann’s nicht erklären, weil ich den Wirkmechanismus mit meinen kleinen Instrumenten die mir als Wissenschaftler zur Verfügung stehen, nicht erklären kann.“
Und trotzdem hat die Homöopathie in Deutschland eine Sonderstellung.
„Da hat der Gesetzgeber letztendlich dafür gesorgt, dass Homöopathie herausgehoben behandelt wird, in einer Art und Weise die sie eigentlich rational niemandem erklären können.“
Sicher ist: Die Homöopathie ist ein riesiges Geschäft.
„Bei mir sind’s bestimmt zehn Prozent meines Umsatzes.“
ZDFzoom fragt: Warum gelten für die Homöopathie andere Spielregeln?

In Berlin bin ich mit dem Allgemeinmediziner Frank-Werner Kirstein verabredet, der auch Homöopathie als Behandlungsmethode anbietet. Seit zwei Jahren ist Angelika Purucker seine Patientin. Kirstein nimmt sich viel Zeit für das Gespräch mit ihr.
„Ich hab Sie jetzt zwei Monate nicht gesehen und wollte einfach fragen, wie ihre Beschwerden sich entwickeln, also Ihre Kopfschmerzen waren ja die Hauptbeschwerde mit der Sie zu mir gekommen sind“

„Sie haben mir ja beim letzten Termin diese drei Kügelchen mitgegeben. Und da hatte ich den Eindruck, dass relativ schnell, also innerhalb von wenigen Tagen also die Kopfschmerzen stark nachgelassen haben“
Angelika Purucker leidet unter starken Migräneanfällen. Herkömmliche Schmerztabletten brachten keine Linderung. Die Homöopathie dagegen habe geholfen. 
„Ich hab nicht mehr diese starken Kopfschmerzen, also ich kann gut damit umgehen, und muss keine Tabletten einnehmen, und das, finde ich, ist ganz wichtig. Das ist ja alles chemisches Zeug, was wir da schlucken und hat immer Nebenwirkungen.“

Wie Angelika Purucker suchen viele Menschen nach einer Ergänzung oder Alternative zur konventionellen Medizin. Bereits die Hälfte der Deutschen hat Homöopathie ausprobiert. 70% davon waren mit der Behandlung zufrieden.

Auch Krankenhäuser bieten homöopathische Behandlungen an. In Landshut am Kinderkrankenhaus St. Marien treffe ich die Ärztin Annette Schönauer.
„Hallo. Grüß Gott.“
„Grüß Gott.“
„Ich bin zum Beispiel seit 2004 schon hier und darf offiziell und gewünschtermaßen Homöopathie anbieten. Begleitend. Ich mach das einfach noch dazu. Das ist es, was für die Eltern auch das Angenehme ist: sie müssen sich nicht entscheiden gehe ich jetzt zum Homöopathen oder Heilpraktiker oder gehe ich zum normalen Kinderarzt?“
Die Klinik bietet Homöopathie als kostenlose Zusatzleistung zur stationären Behandlung an. Wenn Eltern es wünschen, kommt Annette Schönauer bei ihrem Kind vorbei.

„Jetzt gehen wir mal zu dem ersten kleinen Patient. Hallo, Schönauer.“
„Hallo“
„Du bist der Tjorve.“
„Hi“
„Hallo“
„Seit wann bist du denn hier?“
„Gestern mittag wurde er abgeholt im Kindergarten und dann hatte er starke Bauchschmerzen gehabt“
Der Verdacht: Blinddarmentzündung. Doch Blutuntersuchung und Ultraschall zeigen: es ist nichts Bedrohliches. Nun soll Tjorve Globuli gegen die Bauchschmerzen nehmen.
„Ich würde so machen dass Sie zu Hause weil wahrscheinlich es geht da ja bald nach Hause dass Sie ihm Okoubaka geben das würd ich machen, dann kriegst du morgens immer drei und mittags immer drei und abends immer drei Kügelchen“
„Und was ist dieses Okoubaka?“
„Okoubaka ist die Rinde von einem westafrikanischen Baum. Ich hab’s eben als homöopathisch potenziertes Arzneimittel jetzt verschrieben dass man sozusagen von der Substanz nichts jetzt drin hat oder fast nichts, in C6 ist ja noch minimale Spuren drinnen, einfach die Information von der Arznei.“

Auch Nicole Horasan war mit ihrer Tochter bei Annette Schönauer in Behandlung. Der Grund: eine hartnäckige Neurodermitis.
„Ich war dann eigentlich an dem Punkt, wo ich echt verzweifelt war, weil ich mir gedacht hab woher kommt denn der Ausschlag und hab mir dann gedacht jetzt probier ich das eben mit der Frau Dr. Schönauer. Wir haben Tropfen, diese Calzium carbonicum gekriegt und das haben wir von der Potenz immer erhöht und dann hat man auch wirklich gesehen, dass es nach und nach alles weggegangen ist am Körper und im Gesicht. Also ich glaub total dadran.“

Die Potenzierung ist ein wesentlicher Teil der Homöopathie. Dabei wird ein Ausgangsstoff mit Wasser oder Alkohol verdünnt. Bei D-Potenzen im Verhältnis 1:10 und bei C-Potenzen im Verhältnis 1:100 je Potenzierungsstufe. Eine C4-Potenz entspricht zum Beispiel einer Verdünnung von eins zu einhundert Millionen. Das wäre so, als würde man fünf Milliliter des Ausgangsstoffes in ein volles Schwimmbecken geben. Dabei ist eine C4-Potenz noch relativ schwach, denn Homöopathen glauben, dass mit jeder Potenzierungsstufe auch die Wirkung steigt. Bereits eine C7-Potenz ist so verdünnt, als würde man rund fünf Milliliter in der Müritz auflösen. Je höher die Verdünnung, desto unwahrscheinlicher ist es, dass überhaupt noch etwas vom Ausgangsstoff in den Globuli enthalten ist. Schon bei der neunten Potenzierung ist die Verdünnung so stark, als würde man fünf Milliliter Ausgangssubstanz in der Ostsee auflösen. Die häufig verordnete C30-Potenzierung schließlich ist so verdünnt, als würde man einen Tropfen Wasser auflösen in Milliarden von Galaxien.

Kann Homöopathie überhaupt wirken?
Ich bin unterwegs zu einem der profiliertesten Doping-Experten Deutschlands.
Hier am Institut für biomedizinische und pharmazeutische Forschung untersucht Professor Fritz Sörgel regelmäßig Proben auf kleinste Rückstände. Ich will wissen: Was ist drin in einer D6-Potenz, einer für homöopathische Verhältnisse relativ schwachen Verdünnung?
Hierfür testen wir zwei Homöopathika: Belladonna, auch bekannt als Tollkirsche, sowie Nux vomica, auch bekannt als das Gift Strychnin. Zunächst werden zehn Belladonna-Globuli in Wasser aufgelöst und in einem Massenspektrometer getestet. Es kann Stoffe bis auf Molekularebene analysieren.
„Wir hätten jetzt eigentlich hier bei 1,36 was sehen sollen. Das Einzige, was wir sehen, ist ein leicht erhöhtes Grundrauschen, aber kein wirklich identifizierbarer Peak mehr.“
„Das heißt, es ist nichts vorhanden?“
„Nichts vorhanden oder nicht nachweisbar“
Bei Belladonna D6 kann das Messgerät also keinen Wirkstoff mehr nachweisen. Anders bei Nux vomica. Hier sind in den Globuli noch geringste Spuren von Strychnin zu finden.
Und hat das eine Wirkung?
„Nein. Das ist eine Menge, die einfach keine Wirkung haben kann. Das ist viel zu wenig. Also, wir brauchen hier jetzt nicht über irgendwelche pharmakologischen Überlegungen sprechen.“
Für eine pharmakologische Wirkung müsste man laut Sörgel nämlich etliche Tonnen von den Globuli schlucken.

 Obwohl in den meisten homöopathischen Mitteln kein Wirkstoff nachweisbar ist, stieg ihr Absatz in den vergangenen Jahren um rund 13 Prozent auf fast 53 Millionen Packungen.
Ein gutes Geschäft.
Von 2013 stieg der Umsatz deutscher Hersteller von 543 auf 602 Millionen Euro.
Um 10,9 Prozent.
Ich bin in Augsburg beim Hersteller Gudjons. Dessen Leiter Hannes Pröller zeigt mir, wie ich nach der 200 Jahre alten Methode von Samuel Hahnemann ein homöopathisches Arzneimittel in Handarbeit herstelle.
„Ein Teil Thuja in 99 Teile Milchzucker. Und jetzt müssen Sie als Hersteller schauen, dass Sie es mit viel Kraft und viel Geduld und technischem Können, dass Sie das drei Stunden machen können, diese Information in dem Milchzucker reinreiben.“
Homöopathie will Krankheiten heilen, indem winzige Mengen von Stoffen eingenommen werden, die in höherer Dosis beim gesunden Menschen die Krankheitssymptome auslösen.
Nach einer Stunde Verreiben habe ich schließlich meine erste C1-Potenz hergestellt. Um höhere Potenzen zu erzielen. muss ich die Methode wechseln.
„Und zwar machen wir das mit Schlägen und schütteln nicht. Und das Wichtige ist, dass es in kleinen Fläschchen passiert, weil ich will ja das Wasser prägen mit der Information. Und da brauche ich Kraft und Energie dazu. Weil wir machen hier ein Handwerk und keine Esoterik.“
“Ich versuche es mir gerade bildlich vorzustellen, was da passiert mit dem Wasser, wenn ich das so mache oder wenn ich das so mache. ”
„Sie sehen, mit Schütteln habe ich keine Schläge.“
„Ja.“
„Und wenn ich auf das Kissen schlage, dann ist in dem Fläschchen die Hölle los. Und dann präge ich das Wasser richtig.“
Nun bin ich dran, mein Thuja zu schlagen. Nicht neunmal, nicht elfmal, sondern genau zehnmal, wie Hahnemann es vorschreibt.
“Gut. Kritiker sagen natürlich, dass ab einer gewissen Potenz eigentlich kein Ausgangsmolekül mehr drinnen ist.”
„Das stimmt. Das sagen net nur Kritiker, das sag auch ich, aber das war auch das Ziel vom Herrn Hahnemann: eine Medizin zu haben, die Information beinhaltet und keine giftigen Moleküle mehr.“
„Aber Sie haben Pharmazie studiert, Sie sind Wissenschaftler, klingt erstmal nicht besonders wissenschaftlich sondern eher eigentlich das was Sie vermeiden wollten: esoterisch.“
„Ich kann’s nicht erklären, weil ich den Wirkmechanismus mit meinen kleinen Instrumenten die mir als Wissenschaftler zur Verfügung stehen, nicht erklären kann. Ich kann nur sagen, es wirkt, und es wirkt besonders bei denen, die sich nicht dagegenstellen – bei kleinen Kindern und bei Tieren. Und zwar sehr gut.“
Zum Schluss werden ein paar Tropfen der gewünschten Verdünnung auf Zuckerkügelchen geträufelt und fertig sind die Globuli.
Eine Medizin, bei der nicht einmal der Hersteller weiß, wie sie wirkt. Das steht sogar in den Beipackzetteln: „… ohne Angabe einer therapeutischen Indikation.“ Trotzdem gelten Homöopathika als Arzneimittel. Der Grund: 1978 übten Lobbyisten auf den Gesetzgeber Druck aus, die Homöopathie im Arzneimittelgesetz von jedem Wirknachweis, der sogenannten Evidenz, zu befreien.
Seitdem müssen homöopathische Mittel lediglich hier beim Bundesinstitut für Arzneimittel bei einer Kommission registriert werden, in der ausschließlich Homöopathen sitzen.
Jedes andere Arzneimittel hingegen muss durch den Gemeinsamen Bundesausschuss. In diesem Gremium entscheiden Ärzte, Kliniken und Krankenkassen, welche Leistungen gesetzlich Versicherten zustehen. Für jedes neue Mediament muss der Nachweis erbracht werden, dass es besser wirkt als bisherige Produkte. Dass für homöopathische Arzneimittel überhaupt kein Wirknachweis erbracht werden muss, kritisiert der Ausschussvorsitzende.
„Wir prüfen bei jedem neuen Arzneimittel die Evidenz bis zur dritten Nachkkommastelle. Und daneben existiert ein faktisch evidenzfreier Schrebergarten, in dem eben auf die Kraft von Gottes Natur vertraut wird und in dem man sagt: Hier bedarf es einer solchen Prüfung nicht. Und das hat mit vernünftiger evidenzbasierter Medizin und mit vernünftiger Zulassungsprüfung überhaupt nichts zu tun.“

Dass die Homöopathie eine Sonderstellung in Deutschland hat, dafür sorgen unter anderem Lobbyisten-Verbände. Die Carstens-Stiftung in Essen unterstützt Forschungsvorhaben im Bereich der Homöopathie und Komplementärmedizin, außerdem die Nachwuchsförderung an Hochschulen. Zuständig dafür: Jens Behnke.
„Wir fördern beispielsweise Arbeitskreise, Studierendenarbeitskreise zur Homöopathie an Universitäten, wir fördern die entsprechenden Wahlpflichtfächer, die eben angehende Mediziner wählen können. Dazu gehört auch die Homöopathie, stellen wir Drittmittel bereit, wir organisieren Referenten, wir machen Fortbildungen für Studierende und ähnliches.“
Finanziert wird dies alles aus einem jährlichen Budget von rund 1,5 Millionen Euro.
“Da wird oft kritisiert: Bei diesen Lehrveranstaltungen wird die Homöopathie einseitig betrachtet. Also nur pro Homöopathie unterrichtet und die Kritikerseite kommt gar nicht zu Wort. ”
„Also, das kann ich aus meiner Erfahrung nicht bestätigen. Da wird durchaus eben anhand des Standes der Forschung werden Möglichkeiten und Grenzen des Verfahrens durchaus seriös beleuchtet. Ob es da jetzt andere Einzelfälle gibt weiß ich nicht.
Aber es geht ja in diesem Wahlpflichtfach auch darum eben einen Einblick in die Methode der Homöopathie zu bekommen.
Und wenn Sie jetzt ein Wahlpflichtfach Umweltmedizin anbieten, dann lernt man da halt Umweltmedizin und hört jetzt nicht von irgendwelchen Kritikern der Umweltmedizin.“

Die Universität Magdeburg kooperiert bereits seit zehn Jahren mit der Carstens-Stiftung. Hier möchte ich von Studierenden erfahren, was sie vom Wahlfach Homöopathie halten.
„Also, schlecht ist das nicht, man kann sich das ja selbst aussuchen, ob man das machen möchte oder nicht. Und wenn man Interesse hat, dann ist es ja auch gut, wenn man als Mediziner früh genug damit in Kontakt kommt und sich da ein bißchen auskennt.“
„Nach den klinischen Information, die ich habe, ist also wirklich klinisch nachgewiesen, dass es keine Wirkung hat. Dann find ich’s schwierig, dass man dafür ein Wahlfach anbietet.“
„Ich finde, da sollte sich auch jeder Arzt für einsetzen, dass so was überhaupt nicht verbreitet werden darf, solche Mittel. Weil das ist in meinen Augen ist das Schwachsinn.“
Der Leiter des Institutes für Allgemeinmedizin, der auch als niedergelassener Homöopath arbeitet, schlägt meinen Wunsch nach einem Interview ab. Auch von anderen Hochschulen erhalte ich Absagen. Zehn deutsche Universitäten haben in den vergangenen zwei Jahren Homöopathie als Wahlfach angeboten. Ich erfahre jedoch: Auch in den Hochschulen ist die Homöopathie umstritten.
In Bonn, Dresden, Jena und Tübingen will man das Wahlfach künftig nicht mehr anbieten.

Wer später als Arzt homöopathisch arbeiten möchte, braucht nach dem Studium eine zweijährige Fortbildung, angeboten von den Ärztekammern. An der Universität München finden allein heute drei Kurse statt. Mich überrascht: Der Dozent räumt ein, dass die Homöopathie mit wissenschaftlichen Argumenten nicht erklärbar ist.
„Für mich bleibt und ich mache jetzt über 30 Jahre Homöopathie: Es ist eine Therapiemethode, für deren Wirkung nach wissenschaftlichen Kriterien jegliche Plausibilität fehlt. Punkt. Stehen wir dazu. Die Homöopathie ist Bestandteil der Erfahrungsheilkunde, also einer Therapieform, die über Generationen von Ärzten hinweg sich offensichtlich in der Behandlung bewährt hat, sonst würden Sie ja nicht so dumm sein und ihre Freizeit und ihr Geld opfern, um so eine Ausbildung zu machen.“

1937 wurde diese Zusatzausbildung in Deutschland eingeführt. Heute gibt es landesweit rund 5600 Mediziner, die sie absolviert haben.
Bei einem Gespräch in der Pause möchte ich von Teilnehmern erfahren, warum sie Homöopathen werden wollen.
“Da gibts ja nun auch immer die Kritikerseite, die sagt: ‘Da ist ja nichts drinne in den Globuli, das ist so sehr verdünnt, das kann gar nicht mehr wirken, pharmakologisch gesehen.’ Wie gehen Sie damit als Ärzte um, die ja nun auch ein wissenschaftliches Studium absolviert haben und da erstmal mit rationalem Verstand drauf gucken würden?”
„Wir sprechen ja jetzt nur über den messbaren Teil des Lebens und nicht über den anderen Teil. Der wird ja vollkommen ausgeblendet, und in dem Teil bewegt sich die Homöopathie und um diesen Teil kümmert sich auch die Homöopathie.“

“Würden Sie als Kinderärztin sagen: ‘Oh, da kann ich mit Homöopathie arbeiten und da sollte ich vielleicht doch eher bei der konventionellen Schulmedizin bleiben’?”
„Ich glaube, in der Akutinfektion da steckt ein ganz hohes Potenzial für die Homöopathie und die Vorsicht, der Umgang mit Antibiotika. Da ist jetzt ja inzwischen Alarmstufe Rot. und da sind wir mit homöopathischen Kenntnissen bestimmt gut gefragt, dass wir da vielleicht auch auf eine andere Art und Weise helfen können.“

Mehr Zurückhaltung beim Verschreiben von Antibiotika? Das klingt einleuchtend. Gefährlich wird diese Zurückhaltung bei ernsten Infektionen. Bei Recherchen im Internet stoße ich auf ein Bewertungsportal, in dem ein homöopathischer Arzt schweren Vorwürfen ausgesetzt ist.
Eine dieser Bewertungen stammt von Corinna, die im Film nur mit ihrem Vornamen genannt werden möchte. Die Tierärztin musste vor gut einem Jahr mit ihrem kranken Sohn zum Notarzt und geriet an Dr. K. Ihr fünfjähriger Sohn erhielt bereits wegen einer beginnenden Lungenentzündung Antibiotika. Als er nach einigen Tagen spät abends einen heftigen Hautausschlag und hohes Fieber bekam, suchte Corinna Hilfe im nahegelegenen Klinikum, wo Dr. K. an diesem Tag Dienst hatte.
„Dann hat dieser Arzt mir relativ schnell zu verstehen gegeben, dass er aus der homöopathischen Ecke kommt und dass er eigentlich überhaupt nicht auf schulärztliche oder schulmedizinische Medikamente steht. Also er wollte auf jeden Fall die Antibiotika absetzen, weil er ja meinte, dass wir durch diese massive Medikamentenverabreichung unsere Kinder sowieso schon krank machen.“
Es kommt zu einem Streit über die richtige Behandlung. Schließlich überweist Dr. K. den Jungen an die Kinderklinik – gerade rechtzeitig.
„Und da kam heraus, dass seine Sauerstoffsättigung nur noch 92 Prozent betrug und 98 Prozent wären normal gewesen. Das heißt, die Behandlung war definitiv angezeigt. Also mit Aufhören der Behandlung das wäre genau das Falsche gewesen. Und das Antibiotikum wurde umgestellt, und innerhalb von zwei Tagen war er danach wieder vollkommen gesund.“

Ich bitte Dr. K. um eine Stellungnahme. Darin heißt es:
„Die Darstellung der Patientin weise ich entschieden als falsch und frei erfunden zurück“
Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen erfahre ich, dass dort bereits mehrfach Beschwerden von Patienten eingingen, weil Dr. K. als Notarzt homöopathisch behandelte. Man habe ihn darauf zum Gespräch gebeten und er sei darauf aufmerksam gemacht worden,
„dass im kassenärztlichen Bereitschaftsdienst der schulmedizinische Standard zu gelten habe.“

Schulmedizin und Homöopathie – geht das zusammen?
Ich mache mich auf den Weg nach München zum Ärztekongress der europäischen Onkologen, um einen der weltweit prominentesten Kritiker der Homöopathie zu treffen: Edzard Ernst. Jahrelang glaubte er selbst an ihre Wirkung, bis er die erste Professur für Alternativmedizin erhielt und zur Homöopathie Forschungen anstellte.
„And the shocking truth is: It works for nothing.“
Heute sagt er, der Homöopathie fehle jeglicher Wirksamkeitsnachweis und sie gehöre deshalb nicht in die Hand von Ärzten.
„Wenn man es positiv sehen will dann kann man sagen, sie wirkt wie ein Placebo. Daraus kann man ableiten, dass die Homöopathie auch Gutes tut, aber um einen Placeboeffekt bei einem Patienten zu erreichen brauche ich kein Placebo, wenn ich einem Patienten eine echte Therapie, also eine wirksame Therapie gebe und das mit Verständnis und Empathie tue, dann habe ich einen spezifisch-therapeutischen Effekt und den Placeboeffekt. Mit anderen Worten: nur ein Placebo oder ein Homöopathikum zu verabreichen bedeutet, den Patienten um etwas Wesentliches zu betrügen.“

Kann die Homöopathie dazu führen, dass Ärzte wichtige Behandlungen bei kranken Menschen unterlassen? Ich fahre nach Berlin. Bei der Bundesärztekammer will man sich nicht vor der Kamera äußern. Schriftlich antwortet man mir:
„Aus Gründen der Patientensicherheit sollte immer der Arzt erster Ansprechpartner für [homöopathische] Patienten sein. Der Arzt verfügt über die erforderlichen Kompetenzen, die Grenzen alternativmedizinischer Verfahren zu erkennen.“

Doch wo ziehen Ärzte diese Grenzen? Fünf Kilometer weiter bei der Berliner Ärztekammer ist man bereit, mit mir zu reden. Deren Präsident Günther Jonitz vertritt 30.000 Ärztinnen und Ärzte, von denen 385 eine homöopathische Qualifikation haben.
Warum protegieren Ärztekammern die Homöopathie, obwohl es kein Wirkprinzip gibt?
„Es war der ausdrückliche Wille des Bundestages, dass sich sämtliche homöopathischen Präparaten keinerlei Nutzennachweis stellen müssen. Das heißt, da hat der Gesetzgeber letztendlich dafür gesorgt, dass Homöopathie herausgehoben behandelt wird in einer Art und Weise die sie eigentlich rational niemandem erklären können. Die Homöopathie als Glaubenslehre, was die Verfahren, was die Verdünnungstheorien etc. pp angeht, ist blanker Humbug. Auf der anderen Seite gibt es auf die Homöopathie eine enorme Nachfrage seitens der Patientinnen und Patienten, und das zieht sich durch bis auch in allerhöchste politische Kreise, in denen ein hoher Druck aufgebaut wird, doch bitteschön an dieser Pseudomedizin als solche festzuhalten. „
“Wie sieht das mit der rechtlichen Sicherheit der Patienten aus, wenn ich zu einem homöopathischen Arzt gehe und da passiert ein Fehler, entweder indem die Behandlung nicht anschlägt oder gar Folgeschäden entstehen, weil die Behandlung gar nicht wirkt und ich zu spät in eine schulmedizinische Behandlung einsteige?”
„Also wenn der Arzt zu Beginn der Behandlung mit dem Patienten verhandelt: ‚Sie sind damit einverstanden, dass Sie sich homöopathisch behandeln lassen‘, und auch noch über mögliche Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt hat, dann ist der Patient in der Verantwortung.“

Kann ein Patient diese Verantwortung übernehmen? In Mainz treffe ich mich mit einer Frau, die vor dieser Frage stand. Anja M. erkrankte an Multipler Sklerose. Nach einer Cortison-Therapie im Krankenhaus erhält sie eine Überweisung an einen niedergelassenen Neurologen. Um den Krankheitsverlauf zu mildern, soll der sie mit einer Immuntherapie weiterbehandeln.
„Daraufhin hat der gesagt: „Warten Sie es doch erst mal ab, das ist ja vielleicht gar nicht notwendig. Man muss ja vielleicht gar nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen.“
Somit passiert erst einmal: nichts. Doch Anja bekommt immer stärkere Schwindelanfälle.
„Er hat mich daraufhin nicht untersucht, hat nur gesagt: „Na ja, Sie wissen ja, dass Sie die Multiple Sklerose haben. Da kommt so was schon mal vor und da kann ich jetzt auch nichts dagegen machen. Sie können aber in die Apotheke gehen, ich schreibe Ihnen ein Privatrezept. Da können Sie sich homöopathische Tropfen holen, die helfen ja vielleicht was dagegen.“
Doch die homöopathischen Tropfen helfen nicht und ihre Anfälle häufen sich. Hinzu kommen heftige Sprach- und Sehstörungen.
„Dann habe ich die Möglichkeit gehabt zu einem sehr anerkannten Neurologen zu gehen, wo man normal auch länger warten muss, und der hat gesagt, Frau Endesfelder, Sie müssen sofort wieder ins Krankenhaus. Sie haben einen schweren Schub und auf der rechten Seite schon ’ne beginnende halbseitige Lähmung.“
Warum schickte der Neurologe eine MS-Patientin mit einem Rezept für homöopathische Tropfen in die Apotheke? Meine schriftliche Anfrage an den Arzt bleibt unbeantwortet.

Fälle wie der von Anja sollen eigentlich durch fachliche Beratung in der Apotheke verhindert werden. Seit 1978 dürfen nach dem Arzneimittelgesetz Homöopathika nur durch Apotheker verkauft werden. In Berlin möchte ich vom Präsidenten des Bundesapothekerverbandes wissen, warum das so ist.
„Die Apothekenpflicht, also die Entscheidung, ob ein Arzneimittel in die Apotheke gehört oder nicht, hat verschiedene Facetten. Wirksamkeit ist eine dieser Facetten, aber nicht die ausschlaggebende. Eine sehr wichtige weitere Facette ist das Risiko, was mit der Anwendung von Arzneimitteln im Zusammenhang steht, oder auch – und das ist bei Homöopathika der entscheidende Punkt, der für die Apothekenpflicht spricht – dass möglicherweise wichtige, lebensrettende Therapien unterlassen werden. Und diese Frage muss beantwortet werden, bevor man den Patienten mit den homöopathischen Arzneimitteln versorgt.“

Homöpathie und kompetente Beratung – das geht für die Apothekerin Iris Hundertmark nicht zusammen. Vor kurzem hat sie in ihrer Apotheke im bayrischen Weilheim Globuli & Co. aus ihre Regalen geräumt. Der Verkauf von homöopathischen Mitteln war mit ihrer Berufsauffassung nicht länger vereinbar.
„Wir sind von unserer Bundesapothekerkammer dazu angehalten, leitliniengerecht zu beraten. Also sprich, Sie kommen zu mir, Sie haben einen Arzneimittelwunsch, ich erkläre Ihnen, was das ist, wie das wirkt, was passieren kann, ob sie noch andere Arzneimittel nehmen, ob das Wechselwirkungen hat, dass Sie im schlimmsten Fall zum Arzt gehen müssen. Und bei der Abgabe der Homöopathie ist das nicht der Fall. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele Kügelchen Sie wann, wo anwenden sollen.“
Viele ihrer Kunden kauften regelmäßig homöopathische Arzneien. Zukünftig erhalten sie diese von Iris Hundertmark nur noch auf Bestellung. Für die Apothekerin ein wirtschaftliches Risiko.
„Mein homöopathischer Umsatz hat mit Sicherheit ungefähr zehn Prozent meines Gesamtumsatzes gemacht und das spüre ich.“
„Und wie hoch ist so die Gewinnmarge von einem Produkt prozentual?“
„…“
„Also, da bleibt schon was hängen sag ich jetzt mal so.“
„Da bleibt schon was hängen.“
„Also das ist schon mal ein Grund für Apotheker, das im Sortiment haben zu wollen?“
„Ja.“
“Und dagegen zu sein, es rauszunehmen?”
„Ja.“
Später erfahre ich vom Institut für Handelsforschung in Köln, wie hoch für Apotheker bei drei ausgewählten Homöopathika die Gewinnmarge ist: zwischen 30 und 36 Prozent.
Zum Vergleich: Bei rezeptpflichtigen Arzneien liegt die Gewinnmarge im Schnitt bei rund 20 Prozent. Der Verkauf von Homöopathika ist also ein lukratives Geschäft für die Apotheker.

Die Kosten für Homöopathie übernehmen teilweise auch die Krankenkassen. Seit 2011 dürfen sie diese als freiwillige Satzungsleistung abrechnen und die meisten machen davon auch Gebrauch. Die IKK Südwest beispielsweise zahlt für homöopathische Behandlung und Beratung durch einen Arzt.
„Ist es für Krankenkassen eine Art Marketingfaktor, Homöopathie im Portfolio zu haben?“
„Wir stehen alle im Wettbewerb und da gibt es einen Preis- und einen Qualitätswettbewerb und auch einen Wettbewerb um Leistung und da gehen Krankenkassen unterschiedlich mit um.“
Bezahlen muss keine Krankenkasse für Homöopathie. Dennoch machen es fast alle, obwohl der Beweis fehlt, ob und wie sie wirkt.
„Deswegen sehen wir unsere Verantwortung darin, da offen drüber aufzuklären, und so haben wir beispielsweise bei uns auf der Website auch eindeutig stehen, dass wir keinen Wirksamkeitsnachweis der Homöopathie sehen über den Placeboeffekt hinaus.“
Die Erkenntnis, dass Homöopathie keine Wirkung hat, ist in allen Bereichen des Gesundheitswesens verbreitet. Trotzdem werden Globuli & Co. unterstützt, bezahlt und beworben, weil der Patient und Kunde es so wünscht.

Josef Hecken vom Gemeinsamen Bundesausschuss will das nicht länger akzeptieren.
„Ich fordere, dass Krankenkassen verboten wird, als Satzungsleistung Dinge zu bezahlen, deren Evidenz nicht nachgewiesen ist, und abgeleitet von diesem Verbot sollte über die Apothekenpflicht für diese Produkte nachgedacht werden.“

Welche Rolle die Homöopathie zukünftig spielt – darüber entscheidet die Politik. Im Bundestag treffe ich den Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses Erwin Rüddel. Er spricht sich ebenfalls gegen eine Kostenerstattung aus – zumindest vorläufig.
„Also ich bin zum jetzigen Zeitpunkt der Diskussion dagegen, dass also homöopathische Mittel, die ihre Evidenz nicht bewiesen haben, von den Krankenversicherern bezahlt werden. Weil in allen anderen Fällen verlangen wir von Anbietern – egal ob es Arzneimittel sind oder ob es Medizinprodukte sind – Evidenz, Wirkung. Das muss wissenschaftlich belegt sein, dann wird es von der Krankenversicherung bezahlt.“
Wird sich etwas ändern? Für seine Position sieht Rüddel keine Mehrheit im Bundestag. Und die Bundesregierung weicht in der Frage aus.
„Aufgrund der Therapiefreiheit obliegt es dem Arzt, eine Entscheidung über die Behandlung zu treffen.“
Parteien wollen keine Wähler verlieren, Krankenkassen keine Mitglieder und die Ärzte- und Apothekervertreter keine Kunden. Nur deshalb hat die Homöopathie eine Sonderrolle. Eine Sonderrolle, die nach heutigem Stand nicht zu rechtfertigen ist.

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